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Tiroler Ache ( Blätter aus dem Tagebuch)

 

Freitag, den 29. Oktober 2010

Man muss schon etwas verrückt sein, um quer durch Deutschland für ein Wochenende zum Fischen zu fahren. Nun sind wir mit Hans auf der Strecke, von der Havel bis an die Tiroler Ache. Kasimir hatte schon im Frühsommer die Idee, sich dort zum Saisonschluss zu Treffen. Im August, auf der Rückreise vom Familienurlaub in den Kitzbühler Alpen änderte ich die Route um einen Blick auf den Fluss zu werfen. Es hat an diesem Tage unbarmherzig gegossen, doch der Ausgang der Ache aus der Klamm an der ÖsterreichischenCK - FLYFISHING Grenze sah im vorbeifahren gut aus.

Kurz vor dem Münchner Ring greife ich zum Handy. Kasimir, der um 4.00 Uhr früh von Schwetzingen starten wollte müsste schon da sein. Ja, er ist schon da, steht im Wasser und hält mit der Fliegerute nach Fischen Ausschau. Tagesscheine für die Ache waren gesichert, Quartier besichtigt. Bald sind auch wir da, empfangen von der von Familie König. Einige Sätze zur Landwirtschaft, wir waren auf dem Bauerhof, und schon konnte es mit der Besichtigung losgehen. Zuvor sichern wir Proviant für den Abend, fest und flüssig.

Das Stadtwehr in Marquartstein macht einen imposanten Eindruck. Grober Kies bedeckt die Ufer der Ache. Was für ein Gegensatz  zu den tückischen Sümpfen und Treibsand an Forellenflüssen in Pommern und der Schorfheide die Wochen zuvor? Wir entscheiden uns das Ende der Strecke, die Entenlochklamm an der Grenze anzuschauen. Zuerst sind mit dem Wagen flugs im österreichischen Kössen. Auf der Rückfahrt halten wir am Klobestein. Die Ache durchbricht hier die Chiemgauer Alpen. Von der Hängebrücke gesehen flösst sie Respekt ein. Die Fluten führen milchiges Schneewasser von den frühen Niederschlägen. Die Sichttiefe ist bescheiden, uns steht keine einfache Aufgabe bevor. Wir lassen uns aber nicht entmutigen, zu lang war die Fahrt und Mühen der Vorbereitung. Im Quartier wartet Kasimir, kurze Vorstellung, Hans kennt er noch nicht. In der Stube wird eine zünftige Brotzeit zelebriert. Etwas zu viel esse ich vom Leberkäse. Mit Bier wird nachgespült, wird es schon rutschen. Die Bindestöcke werden ausgepackt. Kasimir zaubert zarte Nymphen und CDC-Duns die er für hier aussichtsreich hält. Unglaublich, wie es mit seinen starken Händen möglich ist. Die Muster sind schon fast ein Grenzfall für meine Gleitsichtbrille. Mir ist es nach der langen Reise nach Bett, doch die Freunde sind noch voll in Fahrt. Es wird gefachsimpelt, ohne Ende. Die Mitternacht bringt die Erlösung.

Samstag, den 30. Oktober 2010

Ganz so gut wie gewünscht habe ich doch nicht geschlafen. Einer unserer Truppe hat wirklich Probleme aufzustehen. Lag es am Leberkäse oder doch an einem Bier zuviel. Die Batterie leerer Flaschen auf dem Balkon spricht für die zweite Variante. Der Kaffee bewirkt Wunder, Aspirin schadet nicht. Hergerichtet geht es in den „Kampf“. Kasimir schlägt die Windungen der Ache bei Grassau vor. Nun, von „natur belassen“ kann keine Rede sein. Schneewasser ist nach wie vor da, die Sichttiefe begrenzt. Die Schotterbänke oberhalb und unterhalb der Brücke wirken einladend. Soweit wie die schnelle Strömung es zulässt vorgewagt, liegt die Rinne am befestigten Prallhang in Wurfweite. Ich teste meine speziell für die Fahrt gebundenen Doppel-Zonker. Nach Huchen steht mir der Sinn, die soll es hier geben. Bis zu 137 cm lange Exemplare wurden schon in der Ache gefangen. Der schnell sinkende Schusskopf soll den Streamer in die Tiefe bringen. Das gelingt in der schnellen Strömung nur leidlich. Dazu tragen die mit Wasser vollgesogenen Kaninchenfellstreifen nicht gerade zur Eleganz der Würfe bei. Zugegeben, sie spielen verführerisch im Wasser. Ich wechsle zur Kasimirs „Weißen Dame“. Er hat mich mit mehreren Farbvarianten versorgt. Hoppla! Sie fliegt fast zu gut und landet im Astgewirr am gegenüber liegenden Ufer. Das war es, ein neues Vorfach muss her. Meine Freunde kommen nach, ich suche unterhalb der Brücke die zweite Kiesbank auf. Vom weiten sehe ich wie ich wie Kasimir seine 15 cm lange Huchenstreamer wirft. Wie bunte Heringe schweben sie durch die Luft. Wie das sich wohl anfühlt? Das Kaiserwetter beschert und trotz Schneewasser einen für die Jahreszeit bemerkenswerten Insektenschlupf. Große und kleine Eintagsfliegen sind noch unterwegs, einzelne Köcherfliegen, Midges und Zuckmücken. Ich rüste auf Trockenfliege um, Hans auch. Kasimir ist hinter der Flusskurve verschwunden. Trotz Fliegenwechsel tut sich nicht, kein Biss kein Steigen. Vielleicht als Nymphen, klassisch und kurz. Nein auch hier nicht, obwohl sich am Nachmittag die Sichttiefe verbessert. Wir machen Schluss, unser Biervorrat muss noch im Laden ergänzt werden. Kasimir kommt zurück und erzählt von einem Huchen. Kurz hatte ihn am Streamer, dann ging er typisch für den „Donaulachs“ an der Oberfläche verloren. „welche Rutenklasse?“ frage ich. „Sechs“ kommt die Antwort. Ungläubig schaue ich die Fliege und Rute an. Solch Monster mit dem Rüttchen? Das muss ich morgen ausprobieren.

Nach der Brotzeit im Quartier darf und Kasimir uns die Huchen-Streamer vorbinden. Bunt schillern die Stränge aus Kunstfasern. In Seinen geschickten Händen nehme sie bald Fischform an. Nur noch Augen ankleben, perfekt. Wir schauen mit Hans gebannt zu. Die Streamer nehme ich gleich in meine Fliegentasche, zur „Forschungszwecken“ versteht sich. Der zweite Tag kann kommen. Der Schweigerhofwirt, Herr König, setzt sich zu uns. Agrarpolitik, Hochwasserschutz und Problemtierarten, das sind Themen über die sich man die ganze Nacht unterhalten kann. So holt mich der Beruf auch beim Fischen ein.

Sonntag den 31. Oktober 2010

Diesmal lasse ich nicht mir handeln, ich will in den Oberlauf der Ache, am Ausgang der Entenlochklamm zumindest vormittags erkunden. Wir lassen die Wagen oberhalb der letzten Brücke stehen und gehen zum Fluss. Immer wieder zücken wir die Kameras. Die Landschaft ist einfach zu fotogen, ein „Indian Summer“ auf bayrisch. Der Besitzer einer kleinen Fischzucht streift gerade die Laichfische an, Bachsaiblinge und „Elsässer“ wie er sagt. Die Bachforellen der Ache sind wohl auch dabei. Wir betreten die Klamm und bleiben ergriffen stehen. Majestätisch wälzt sich das Schneewasser durch den tiefen Gumpen vor der Steilwand. Oberhalb davon fließt die Ache durch die Schlucht, mal links mal rechts wie der Herrgott sie geschaffen hat. Unterhalb sieht man Spuren der Renaturierung, späte Einsicht der Natur-Verbesserer in der Wasserbau-Riege. Der Gumpen lädt gerade dazu ein es mit dem KC-Huchenstreamer zu versuchen. Nach einigen Probewürfen bin ich platt. Die Voluminöser aber federleichten und wasserabweisenden Fischimitate fliegen fast wie eine Trockenfliege. Mein Closer Deep Minnow wirkt dagegen wie ein nasser Filzpantoffel. Ich glaube bei dem Muster werde ich heute bleiben. Die 9-er Rute kann ebenfalls im Köcher bleiben, die6-er reicht. Kein Steigen, kein Fischkontakt, wir geben auf. Zwischenstopp an der Brücke in Marquartstein oberhalb des Wehres. Während ich die Strudel am Gleithang abstreife lassen Hans und Kasimir ihre Streamer in die Aushöhlungen des Steilufers gleiten. Hans hat einen respektablen Nahläufer, ob es ein Huchen war. Bei der Fliegengröße schon möglich. Bei Kasimir bleibt es bei einem Zupfer. Unterhalb der Brücke kämme ich eine Rinne ab. Drei Bisse auf die Weiße Dam kann ich leider nicht umsetzen. Wir wechseln zum Rückstau oberhalb des Wehres. Einige Fische steigen am gegenüber liegenden Ufer. Für uns trotz aller Bemühungen unerreichbar. Da hilft nicht, dass Kasimir bis zu den Brustwarzen ins Wasser steigt. Aber das Steigen der Äschen macht uns Mut.

Der Abschnitt der Ache unterhalb von Almau hat keinen Schönheitspreis gewonnen. Verbaute Ufer, Sohlschwellen und dreieckige Buhnen prägen das Bild. Kasimir macht sich an einer solchen gemütlich, Hans bezieht unterhalb der Sohlschwelle Stellung. Sie wollen es mit Trockenfliege versuchen. Der Schlupf ist im vollen Gange. Ich versuche es ebenfalls mit der Trockenen, wechsle danach zu Nymphe, nichts kommt. Es ist weis für lange die letzte Chance auf einen Huchen. Ich wechsle zurück zum schnell sinkenden Schusskopf und großen Streamer. Auf dem Weg stromab beobachte ich Hans an einer vielversprechenden Rinne. Typisch für ihn fischt er hochkonzentriert, prüft die Fliegen, wechselt sie und wirft präzise  die ausgemachten Plätze an. Da muss was dahinter sein. Auch Kasimir verlässt nicht seine Stelle. Ich werde es später erfahren. Unter einer Buhne verspricht ein tiefer Kolk zu sein. Nach einer Standortsuche und einigen Probewürfen kann ich mein Streamer weit werfen und in ungeahnten Tiefen anbieten. Huchen, jetzt oder nie.

Die Sonne geht langsam unter, ich kehre  zu meinen Freunden zurück. Kasimir hält eine Regebogenforelle hoch. Zwei weitere und einige Äschen konnte er nicht wirkungsvoll anschlagen. Wir gehen zu Hans, der hält drei Finger hoch, Regebogenforellen. Gute Äschen hat er auch ausgemacht. Sie schlürften bedächtig Ausschlüpfer (Emerger) der Eintagsfliegen ein, die violetten Rückenflossen ragten dabei in die Luft. Nach drei verpatzten Anschlagversuchen machten sie sich davon. Ungewöhnlich für die sonst so zutrauliche Art. Die Regenbogenforellen sorgten für Ausgleich, wurden von ihm aber zurückgesetzt.

Beim Abendessen beim „Prinzregenten“ dann die Bilanz:

-        Die gut 29 km lange Strecke der Tiroler Ache bietet sehr vielfältige Fischerei und fordert vom Besucher einiges an Anpassungsvermögen ab. Dabei scheinen die nicht verbauten Abschnitte die Fische nicht zu stören.

-        Das frühe Schneewasser hat unsere Aufgabe gestört aber nicht unmöglich gemacht.

-       Der etwas dürftige Fischbestand kann vielleicht durch Taktik erklärt werden den Kormoranen am Saisonschluss keinen mit Besatzfischen gedeckten Tisch zu hinterlassen. Das müsste in der Hochsaison überprüft werden.

-        Während unseres Besuchs gab es kaum Kormorane, nur drei der „Seeraben“ habe ich gesehen.

-        Leichte Nymphen als Emerger hätten vielleicht bei den Äschen zum Erfolg geführt.

-        Mit der konsequenten Fischerei au Huchen habe ich alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Ich habe die Entscheidung aber nicht bereut. Der Huchen muss noch härter Erarbeitet werden als meine Pommern-Meerforellen. Kasimir Kontakt zeigte, dass ein Huchenfang an der Ache im Bereich des Möglichen liegt.

Montag, den 01. November 2010

Wir sind wieder auf der Autobahn. Bei dem Feiertagsverkehr geht die bis zu den Toren Berlins erstaunlich gut. Ein Griff zum Handy. Kasimir blieb und wollte es noch einmal wissen. Von der Almauer Strecke meldet er den Verlust mehrere Fische, auch durch Schnurbruch. Was sind das denn für Äschen in der Ache? Das muss noch einmal geprüft werden.

Georg Moskwa                                  Potsdam, 08. November 2010